rbv-now.ch | Renata B. Vogelsang

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Anders denken lernen: Der Ort, an dem Veränderung geschieht

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Dienstag, den 07. Dezember 2010 um 11:27 Uhr

Ein Krieger braucht keinen Platz, um zu stehen
Buddhistische Tradition

Mein Herz ist das Licht
und teilt meine dunkelste Seite
im Wissen, dass es richtig ist

In der kriegerischen Kunst des Aikido lernt man, dass das Festhalten an der eigenen Position die Ursache des Verlierens ist. Weil alle verlieren, wenn einer verliert, ist es notwendig, so zu handeln, dass alle gewinnen. Dies erfordert jedoch, Ihre Position loszulassen.

Positionen sind für gewöhnlich eigene Sichtweisen, Urteile darüber, „wie es ist“ oder wie es sein sollte. Positionen beinhalten das Bedürfnis, „richtig“ zu sein. Sie signalisieren, dass unser Kraftzentrum außerhalb unseres Selbst liegt, statt in uns selbst. Sie signalisieren, dass unser Verständnis dessen, was in Ordnung ist, von anderen kommt und nicht von unserem ruhigen Zentrum. Bei einer Reihe uralter Traditionen heißt es, dass „ein Krieger keinen Platz hat und auch keinen braucht, um zu stehen“. Keine  Position, kein Beiwerk.

Die Haltung eines Kriegers des Herzens wird am besten durch das beschrieben, was ich die Parabel der Trapeze nenne. Sie beschreibt deutlich die Orte, an die der Krieger gehört.

Die Parabel der Trapeze

Von der Furcht vor der Verwandlung zur Verwandlung der Furcht

Manchmal denke ich, mein Leben sei eine Serie von Trapezschwüngen. Entweder hänge ich an einem Trapezbalken, der vor sich hin schwingt oder, einige Augenblicke meines Lebens lang, schleudere ich durch den Raum zwischen zwei Trapezen.

Die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich damit, mich an meiner Trapezstange des jeweiligen Augenblicks festzuklammern, als ginge es um mein Leben. Sie schwingt mich in einem bestimmten festen Rhythmus hin und her, und das gibt mir das Gefühl, mein Leben unter Kontrolle zu haben. Ich kenne die meisten richtigen Fragen und sogar einige der Antworten.

Aber hin und wieder, wenn ich glücklich (oder nicht ganz so glücklich) vor mich hin schwinge, schaue ich ein Stück vor mich und – was sehe ich? Ich sehe, wie mir eine andere Trapezstange entgegen schwingt. Die Trapezstange ist leer und ich weiss. In dieser Stelle in mir, die weiss, dass auf dieser neuen Trapezstange mein Name steht. Sie ist mein nächster Schritt, mein Wachstum, meine Lebendigkeit, die gekommen ist, um mich zu holen. Tief in meinem Herzen weiss ich, dass ich, um zu wachsen, meinen Halt dieser augenblicklichen, wohlbekannten Stange loslassen und mich zur nächsten schwingen muss.

Jedes Mal, wenn das passiert, hoffe ich – nein, ich bete, dass ich meine alte Stange nicht ganz loslassen muss, bevor ich die neue greifen kann. Aber in dieser Stelle in mir, die weiss, ist mir klar, dass ich meinen Halt an meiner alten Stange erst völlig loslassen und für einen Augenblick in der Zeit durch den Raum schleudern muss, bevor ich die neue Stange greifen kann. Das erfüllt mich jedes Mal mit Schrecken.

Jedes Mal habe ich Angst, dass ich danebengreifen werde, dass ich auf den unsichtbaren Felsen in der bodenlosen Kluft zwischen den Trapezstangen zerschmettert werde. Ich tue es trotzdem. Vielleicht ist dies das Wesen dessen, was die Mystiker „Erfahrung des Glaubens“ nennen. Keine Garantien, kein Netz, keine Versicherungspolice. Irgendwie steht es einfach nicht mehr länger auf der Liste der möglichen Alternativen, weiter an dieser alten Trapezstange zu hängen. Also erhebe ich mich für eine Ewigkeit, die eine Mikrosekunde oder Tausende von Lebenszeiten dauern kann, durch die dunkle Leere des Zwischenstadiums, das  da heisst: „das Vergangene ist vorbei, die Zukunft noch nicht da“.

Man nennt das „Übergang“. Ich habe glauben gelernt, dass dieser Übergang der einzige Ort ist, wo sich wahre Veränderung vollzieht. Ich meine wahre Veränderung, nicht Pseudoveränderung, die nur so lange anhält, bis ich das nächste Mal einen Tritt in den Hintern erhalte.

In unserer Kultur wird dieser Übergangsbereich als „Nichts“ angesehen, als ein „Nicht-Ort“ zwischen den Orten. Klar, die alte Trapezstange war real, und ich hoffe, dass es die neue Stange, die auf mich zukommt, auch sein wird. Aber die Leere dazwischen? Ist das nur ein Angst erregendes, verwirrendes, orientierungsloses Nichts, durch das man so schnell und so ahnungslos wie möglich hindurch muss? NEIN!

Was wäre das für eine verschwendete Gelegenheit. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass dieser Übergangsbereich das einzig Reale ist und die Trapezstangen Illusionen sind. Wir haben sie uns erträumt, um die Leere zu vermeiden, die sich für uns dann auftut, wenn wirklich Veränderung, wirkliches Wachstum für uns geschieht. Ob meine Vermutung stimmt oder nicht, sicher ist, dass die Übergangesbereiche unseres Lebens ungeheuer reiche Orte sind. Man sollte sie respektieren, ja sogar geniessen. Trotz all des Schmerzes und der Furcht und den Gefühlen, außer Kontrolle zu sein – Empfindungen, die solche Übergänge begleiten können, jedoch nicht notwendigerweise müssen. Sie sind trotzdem die lebendigsten, Wachstum erfülltesten, leidenschaftlichsten, ergreifendsten Augenblicke in unserem Leben.

Wir können keine Ozeane entdecken,
wenn wir nicht den Mut haben,
die Küste aus den Augen zu verlieren
Anonymus

Die Verwandlung der Furcht muss gar nicht ungedingt damit zu tun haben, die Frucht zu vertreiben. Wir müssen uns vielmehr selbst die Erlaubnis geben, im Übergang zwischen den Trapezen „zu hängen“. Wir müssen unser Bedürfnis, die neue Trapezstange, irgendeine Stange, zu  ergreifen, umwandeln und uns selbst erlauben, an dem einzigen Ort zu verweilen, wo wirkliche Veränderung stattfinden kann. Das kann Erschreckend sein. Es kann uns aber auch im wahrsten Sinn des Wortes erleuchten. Wenn wir durch die Leere schwingen, lernen wir vielleicht auch zu fliegen.

Wenn der Krieger des Herzens mit einem einzigen Wort beschreiben werden könnte, dann wäre es das Wort „Veränderer“. Da sich der einzige Ort, wo wirkliche Veränderung stattfinden kann, da draussen zwischen den Trapezen befindet, ist das auch der Ort, an den der Krieger des Herzens gehört.

Der Krieger hat und braucht keinen Ort,
um zu stehen,keine Position, an die er sich klammern kann.
Unbekannt

aus: Krieger des Herzens eine Schulung zur friedlichen Konfliktlösung von Danaan Parry

Das Buch ist vergriffen, der Text nach wie vor aktuell.