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Intuition in der Arbeitswelt: Interview mit Dr. phil. Natalie Knapp, philosophische Beraterin, Autorin und Kulturredakteurin, 40 Jahre

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Sonntag, den 22. August 2010 um 23:00 Uhr

natalie knappDr. phil. Natalie Knapp, geb. 1970, arbeitet als freie Autorin und Kulturredakteurin für den SWR. Als philosophische Beraterin leitet sie Seminare und hält Vorträge in Deutschland, der Schweiz sowie in verschiedenen europäischen Ländern. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das Thema Bewusstseinswandel im 21. Jahrhundert. Neben zahlreichen Radiofeatures veröffentlichte sie 2008 das philosophische Sachbuch „anders denken lernen; von Platon über Einstein zur Quantenphysik“. Derzeit arbeitet sie als Koautorin an einer Jugendbuch-Trilogie.
www.anders-denken-lernen.de

  1. Welches Berufsbild verbinden Sie spontan mit Intuition?
    Jedes. Ich kann mir kein Berufsbild vorstellen, das nicht hin und wieder komplexe Situationen oder Probleme bereithält, die nur mit Hilfe von Intuition angemessen bewältigt werden können. Sei es auf sozialer, technischer, handwerklicher oder inhaltlicher Ebene.

  2. Wie äussert sich Intuition in Ihrer Arbeit?
    Intuition steht in meiner Arbeit immer an erster Stelle. Ich nutze dabei verschiedene Formen dieser Fähigkeit.

    Beim Schreiben nutze ich sie, um ein Gefühl für das Ganze des entstehenden Buches, Vortrags oder Artikels zu bekommen, bevor die erste Zeile geschrieben ist. Das ist eine sehr abstrakte Form der geistigen Intuition, die man auch als Ahnung bezeichnen könnte oder als  ein Gefühl für die innere Form des Ganzen. Ohne diese Ahnung gäbe es für mich nicht die Möglichkeit, den ersten Satz zu finden. Wie bei einem Puzzlespiel, bei dem man das zusammenzusetzende Bild schon  kennen muss, um die passenden Teile zu erkennen. Während ich mich also Satz für Satz vorantaste, während ich die Einzelteile suche, die ich miteinander verbinden muss, um dem entstehenden Buch zu seiner konkreten Gestalt und zu seinem konkreten Inhalt zu verhelfen, orientiere ich mich immer an der inneren Form, die ich zuvor intuitiv gewonnen habe. Beim Konzipieren von Vorträgen oder Seminaren gehe ich ähnlich vor. Zuerst brauche ich eine Ahnung vom Ganzen, um dann die konkrete äußere Form zu finden, die dieser Ahnung entspricht.

    Bei der Arbeit mit Menschen brauche ich zusätzlich eine sehr viel konkretere und unmittelbarere Art der Intuition: die Intuition, die mir im Gespräch hilft, sehr schnell Entscheidungen zu treffen:  Welchen Ton gilt es hier anzustimmen? Welche Fragen zu stellen? Welche Inhalte zu erläutern? Wann gilt es zu sprechen und wann zu schweigen? Welches Zitat, welches Buch oder welcher Gedanke könnte hier hilfreich sein? Um diese Fragen in angemessener Zeit beantworten und so im Gespräch angemessen reagieren zu können, brauche ich Intuition. Diese konkrete Art der Intuition ist eigentlich nichts anderes als die Fähigkeit, mit einem anderen Menschen einen gemeinsamen Raum zu teilen, geistig, psychisch und physisch. Sie ist eine nicht verbale Form der Kommunikation, eine Resonanzbeziehung zwischen Gesprächspartnern. In solchen Begegnungen gibt es kein Rezept, dem ich blind folgen könnte. Ich muss Fragen erahnen oder für schwer Fassbares Worte finden, die meinem Gegenüber zu einer Erkenntnis verhelfen können. Ohne die unmittelbare Intuition, die durch die Resonanz in der Begegnung ausgelöst wird, wäre das nicht möglich.
  1. Wie verbinden Sie Intuition und Ratio?
    Für mich ist die Verbindung von Intuition und Ratio eine ganz natürliche. Das sind zwei Seiten einer Medaille, zwei Fähigkeiten des Bewusstseins, die nur gemeinsam sinnvoll arbeiten können. Ohne Intuition wäre die Ratio orientierungslos und ohne die Ratio bliebe die Intuition formlos. In der Welt der Ideen gibt es unendliche Möglichkeiten. An welchen davon arbeiten wir? Welche verknüpfen wir miteinander? Welchen geben wir eine konkrete physische, soziale, künstlerische oder intellektuelle Form? Warum gerade diesen und nicht jenen? Ohne Intuition sind wir nicht in der Lage, aus den endlosen Möglichkeiten die auszuwählen, die jetzt gerade wesentlich sind, für uns, unsere Familie, unsere Firma, unsere Gesellschaft. Die Intuition ist die geistige Fähigkeit, die uns den Blick in die Zukunft ermöglicht. Sie gibt uns die Möglichkeit, etwas zu erfassen, bevor es eine konkrete Gestalt annimmt. Die Ratio brauchen wir dann, um das Erahnte umsetzen zu können. Mir hilft sie, eine konkrete, kohärente und folgerichtige Form zu finden, in der ich anderen Menschen geistige Inhalte Schritt für Schritt vermitteln kann. Die Ratio übersetzt dann das intuitiv Erfasste und lässt es sichtbar und nachvollziehbar werden.

  2. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie auch intuitiv sind?
    Erst in dem Augenblick, als ich mich mit dem Begriff der Intuition auseinandergesetzt habe. Vorher hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, was Intuition bedeuten könnte und diese Vorstellung entsprach nicht der selbstverständlichen und fast lautlosen Art, mit der sich Intuition in meinem Leben bemerkbar macht.

  3. Wie benützen Sie Ihre Intuition zukünftig?
    Wie eh und je: als Fähigkeit und Werkzeug, um Gegenwart und Zukunft sinnvoll zu gestalten.